Stier

U 575

Auszug aus „Zehn Jahre und zwanzig Tage“

von Großadmiral Karl Dönitz

 

U 575

Dönitz

Großadmiral Karl Dönitz

 

„Während auf diese Weise Stürme und Ausweichbewegungen des Gegners in den ersten Januarwochen im Nordatlantik größere Geleitzugschlachten verhinderten, wurde in der gleichen Zeit südlich der Azoren bei einer Geleitzugoperation ein besonderer Erfolg erzielt.

 

Ende 1942 hatte ich dort auf dem Großkreis New York-Kanarische Inseln eine Gruppe von U-Booten, die Gruppe Delphin aufgestellt. Wir hofften, hier Geleitzugverkehr zu finden, der zur Unterstützung der Invasionstruppen in Nordafrika in Richtung Gibraltar unterwegs war. Verglichen mit der Verkehrsdichte im Nordatlantik konnten hier nur verhältnismäßig selten solche Geleitzüge laufen. Außerdem waren in diesen Breitengraden die Streumöglichkeiten besonders groß, ohne dass ihr Weg wesentlich verlängert wurde. Angesichts der Wichtigkeit dieser Konvois für das Fortschreiten der amerikanischen Offensive in Nordafrika wollte ich aber doch den versuch machen, einen solchen Geleitzug zu finden und zu bekämpfen.

 

 Schon waren für die Gruppe „Delphin“ vier Tage vergeblichen Marsches verstrichen, als am 3. Januar 1943 „U 514“ (Kaleun Auffermann) ein im Seeraum von Trinidad operierendes U-Boot, 900 sm südöstlich der Gruppe „Delphin“, einen Tankergeleitzug sichtete, der nach Nordosten steuerte. „U 514“ torpedierte ein Schiff, verlor aber danach die Fühlung.

 

Es schien mir sicher zu sein, dass dieser Geleitzug aus dem Ölgebiet Caracao-Aruba kam und von Port of Spain auf Trinidad nach Gibraltar steuerte und eine große Menge Treibstoff für die Invasionsarmee nach Nordafrika brachte. Das Eintreffen dieser Vorräte konnte für Beginn und Ablauf der feindlichen Offensive in Nordafrika in den nächsten Wochen und Monate entscheidend sein.

 

Die Entfernung zwischen dem Punkt, an dem der Geleitzug gesichtet worden war und den Standort der Gruppe „Delphin“ betrug umgerechnet ca. 1.569 km. Welchen Kurs der Geleitzug steuern würde, war nicht bekannt. Ich glaube aber, daß er den kürzesten Weg auf dem Großkreis nehmen würde. Darum entschloß ich mich, obwohl er nur einmal gesichtet worden war und sein genauer Kurs nur vermutet werden konnte, mit der soweit entfernt stehenden Gruppe „Delphin“ auf ihn zu operieren. Das bedeutete, wenn man die Situation in Landbegriffe umsetzt, dass U-Boote, die sich etwa in Hamburg befanden, Befehl nach Südosten zu laufen bekamen, um einen etwa in Mailand gesichteten und vermutlich nach Nordost steuernden Geleitzug abzufangen.

 

Die U-Bote machten sich nun mit der Geschwindigkeit eines Radfahrers auf den Marsch zu einem von der U-Bootführung angenommenen Punkt, an dem sie vielleicht mit dem Geleitzug zusammentreffen würden. Man sieht an diesem Vergleich, wie unsicher bei der Weite der Seeräume und dem Fehlen jeder Luftaufklärung auf deutscher Seite die Unterlagen für die taktische Führung der U-Boote waren, wie oft nur kombiniert werden konnte, wie dann aber alles entschlossen auf die eine Karte gesetzt werden musste, um die Operation auf der Grundlage der angestellten Überlegungen durchzuführen.

 

Die Gruppe „Delphin“ wurde am 3. Januar nach Südosten in Marsch gesetzt. U 514 sowie das in seiner Nähe befindliche U 125 (Kaleun Folkers) bekamen den Auftrag, den Geleitzug nordöstlich des ersten Sichtungsortes zu suchen und nach Sichten ausschließlich und mit allen Mitteln daran Fühlung zu halten. Sie konnten ihn jedoch nicht wiederfinden.

 

Kaum hatte die Gruppe „Delphin“ ihren Marschbefehl erhalten als U 182 , das sich auf dem Weg in den Seeraum des Kaps der Guten Hoffnung befand, etwa 600sm östlich der Gruppe „Delphin“ einen Geleitzug sichtete, der genau auf die Gruppe zulief. Es erschien richtig, jetzt mit der Gruppe „Delphin“ auf diesen so viel näheren und obendrein die U-Bootgruppe ansteuernden Geleitzug zu operieren. Anschließend konnte man unter Umständen noch auf den fern im Süden laufenden Tankergeleitzug ansetzen. Ich blieb aber bei meiner Ansicht und bei meiner Absicht, den Tankerkonvoi im Süden abzufangen.

 

Die Gruppe „Delphin“ erhielt zu diesem Zweck Befehl, am 7. Januar um 14.00 h in einem Aufklärungsstreifen

Westlich der Kanarischen Inseln zu stehen. In diesem Streifen marschierten die acht U-Boote der Gruppe mit Kurs 245 Grad und 7 sm Fahrt dem erwarteten Geleitzug entgegen. Sie überdeckten dabei eine Breite von etwa 120 sm.

 

Während der Nachtstrecke hatte der Streifen nach Monduntergang mit 9 sm Geschwindigkeit, also den gleichen Kurs wie der erwartete Geleitzug zu laufen, damit dieser ihn in der Dunkelheit nicht ungesehen passieren konnte. Wir hatten somit alles getan, um ihn u finden. Das Glück war uns hold. Auch die letzte Feinheit des nächtlichen Mitlaufens nach Monduntergang schien sich günstig ausgewirkt zu haben. Am Morgen des 9. Januar stand der Tankergeleitzug in der Mitte des U-Bootstreifens Als die erste Sichtmeldung bei der U-Bootführung eintraf, war das für mich eine große Erleichterung. Wir waren nicht einem Schmetterling nachgejagt.

 

Bis zum 11. Januar bekämpften die U-Boote diesen Konvoi. Er bestand aus neun Tankern. Sieben davon wurden versenkt. Kein U-Boot ging verloren. Das war ein außerordentlicher Erfolg. Der Geleitzug wurde, wie Roskill es ausdrückt, „in Stücke gehackt“.

 

Der deutsche Oberbefehlshaber in Nordafrika, Generaloberst von Arnim, der Nachfolger Rommels, schickte mir ein Danktelegramm. Er wusste, was der Verlust des erwarteten Brennstoffs für seinen Gegner bedeutete.

 

Bei diesem Kampf zeichneten sich die U-Boote U 436 (Korvettenkapitän Seibicke), U 575 (Kapitänleutnant Heydemann) und U 571 (Kapitänleutnant Möhlmann) besonders aus.

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